"Wie bringt man etwas nicht Öffentliches auf das Podium, ohne etwas dabei zu verlieren?" lautet Chris Newmans scheinbar paradoxes Fazit. In den vielfältigen Medien, Musik, Poesie, Video, Malerei, denen sich der gebürtige Engländer bedient, geht es ihm vor allem um Wahrnehmung und die Beziehung zwischen Menschen oder Menschen und Dingen. Dabei sieht er die Arbeit in unterschiedlichen Medien als Arbeit an einem einzigen Thema. Die Wahrnehmung bietet für Newman die Möglichkeit, bereits im Kopf vorgefaßte Dinge mit den außen wahrgenommenen zu verbinden. Dieses Phänomen sieht er vor allem in den überlappenden Strukturen seiner Arbeiten, zum Beispiel seiner Lieder.

1982 sang Chris Newman nach seinem Studium für Neue Musik in London und bei Mauricio Kagel in Köln zum ersten Mal für den Komponisten Gerald Barrs. 1983 folgte die Gründung der Experimental-Rockband "Janet Smith". Dabei stellt es für Chris Newman in den Grundstrukturen keinen Unterschied dar, ob er sich als Komponist, Texter oder Sänger mit Schubert, Mahler, Cage, 80er-Jahre Punk oder Rock auseinandersetzt. Hierbei betreibt der gebürtige Engländer eine Nivellierung zwischen sogenannter populärer und ernster Musik. So bearbeitete er für seine Rockmusik als Komponist und Sänger oft Material, das ursprünglich für den klassischen Bereich geschrieben war und umgekehrt.

Während seines Studiums in Köln entstand 1980 auch das erste Videoband. Unter dem Titel "Rock-Videos" hat Chris Newman zwischen 1985 und 1987 drei unterschiedliche Musikvideos zusammengefaßt, die mit drei seiner Musiktitel performanceartige Innenraumszenen verbinden.

Zu der ungefilterten, rauhen und einfachen Musikstruktur der einzelnen Lieder kommen Haushaltsszenen, wie Gemüse-Schneiden und -Essen sowie Kochen, die ganz im Sinne von Newmans Statements des "skizzenhaften und unschlüssigen Lebens" sowie einer "einfachen und prosaischen Oberfläche" (Bernd Rosner) seiner Arbeit aufzufassen sind.

Newman ist selbst Protagonist seiner Rock-Videos quasi als Material, der sein eigenes "Nicht-Können" auf prätentiöse Art zur Schau stellen möchte.

Ein anderes, zentrales Element in Newmans Performances stellt die Langeweile dar. Versprechen seine Arbeiten auf den ersten Blick Unterhaltung, wie es hier bereits durch die Auswahl des Stilmittels "Musikvideo" anklingt, so werden Erwartungen bereits zu Anfang enttäuscht, da die Rock-Videos nur vom Titel her etwas mit herkömmlichen Musikclips zu tun haben. Ziemlich schnell wird hier das narrative, unterhaltsame Moment einer ersten, inszenierten Szene unterlaufen, da weiterhin nicht viel passiert, sondern die anfangs vorgestellten Requisiten nur vorhersehbar verwendet werden.

Chris Newman äußerte dazu: "Ich versuche immer zu zeigen, was in mir ist. Ich denke, das ist in jenem Moment sehr wichtig. Man kann die Langeweile auch dramatisieren: Das Leben ist halt langweilig... Die Langeweile ist aber eine interessante Sache, denn es gibt auch eine andere, eine innerliche Langeweile... Du mußt immer mit dir selber leben, deshalb hast du auch Langeweile vor dir."

Dandruff, 1985, 2'40''

Im ersten Rock-Video mit dem Titel "Dandruff" sitzen Newman und eine weitere Person, dargestellt von M. Tsangaris, nebeneinander an einem Tisch vor zwei Salatschüsseln. Während Newman die Strophen von "Dandruff" singt, was auf deutsch übersetzt prosaisch "Schuppen" bedeutet, zoomt die Kamera auf seinen Nachbarn, der sich Salatblätter in den Mund stopft. Der Sänger Newman kaut während des Singens nun ebenfalls Salatblätter und deponiert sie abwechselnd in einen vor ihm stehenden Eimer.

Das Musikstück gleicht einer experimentell-schrägen und bewußt einfachen Version eines Rockliedes. Die bildliche Umsetzung mit den Salatessern scheint den rauh gesungenen Refrain "Dandruff" sowie die Dynamik der Musik völlig zu unterwandern. Die Elemente Singen und die performanceartige Inszenierung des Salatessens sind so angelegt, daß sie gegenseitig jeglichen Spannungsbogen oder eine inhaltliche Entwicklung negieren. Damit wendet sich Newman bewußt gegen

einen professionellen Umgang mit dem Musikvideo zugunsten einer fast roh belassenen Materialcollage, die mit Direktheit die ungefilterten Ideen und Gedanken Newmans zum Ausdruck bringen. Nicht von ungefähr sind Chris Newmans Gegner die "Experten", die, wie in einem Interview 1992 geäußert, nicht mehr über die Offenheit verfügen, Neues kennenzulernen, sondern ihre Kenntnis immer nur bestätigt wissen wollen. Dagegen setzt der Musiker und Künstler in seinen Arbeiten Unfertiges, Skizzenhaftes und wählt bewußt die einfachen Schauplätze.

Chris Newman betreibt in seiner Arbeit die Auflösung verschiedener Stilelemente und Gattungen. Dies wird neben seinen musikalischen Projekten unter anderen an den retardierenden Momenten von "Dandruff" deutlich: die Kamera zoomt in Großaufnahme auf Newmans Gesicht mit dem beständig singenden und Salat kauenden Mund. Keine wilden Kamerafahrten, keine spektakulären Einstellungen, nur die beiden Akteure mit ihren Salatschüsseln am Tisch bei einer alltäglichen Handlung in der Küche. Und der rauhe, unprätentiöse "Schuppen"-Song läßt nicht etwa die Musik im Vordergrund stehen, sondern die Sprachmelodie der gesungenen Phrase. Diese verweist auf die Wichtigkeit des Wortes in Chris Newmans Arbeiten, das gedichtet, geschrieben, gesungen oder gemalt in seinen Bildern wieder auftaucht.

Mit Tusche schrieb Newman in einem Katalog: "My work has to do with meaning, not illustration". Aus diesem Grund dient weder die gespielte Szene, oder das Bild noch die Musik zur Illustration eines gemeinsamen Gedankens, sondern folgen ihren eigenen, inhaltlichen Gesetzen.

Die Suche nach Bedeutung geht bei Newman über die Beobachtung von Banalem und Alltäglichem, dem er visuell, kompositorisch und als formulierte Gedanken in seinen Bildern nachgeht. Inhaltlich taucht das Liedthema "Dandruff" fast ebenso beiläufig, wie das Statement zu seiner Kunstposition in einem anderen Katalog-Kontext wieder auf. Dort schrieb er in schwarzer Tusche: "Weiße Schuppe auf schwarzem Grund" ("white dandruff on black") und ließ damit das geschriebene Wort sowie die Vorstellung davon zu einem malerischen Sujet werden.

Jealousy, 1987, 3'19''

Die erste Ansicht im zweiten Rock-Video, "Jealousy", zeigt in einem Topf mit kochendem Wasser schwimmende Musikkassetten. Die Kamera läßt sich Zeit, das brodelnde, dampfende Wasser mit seinen ungewöhnlichen Ingredienzen zu beobachten. Dann werden die durch die Hitze verformten Kassetten mit Bandsalat in einer Suppenkelle auf einen Teller geschöpft, während im Hintergrund mit hoher Stimme der Refrain von "Jealousy" wiederholt wird. Der Künstler und Protagonist des Videos trägt den Teller mit den in wäßriger Beilage schwimmenden Tonträgern zu einem Tisch, auf dem schon Glas und Besteck gedeckt wurden. Ein weiteres Mal schwenkt die Kamera in der Küche herum und läßt den Blick auf den Herd und diverse Töpfe fallen. Dann nimmt sie Chris Newman ins Visier, der wiederum Wasser in den Suppentopf mit einem Rest an Musikkassetten gießt und beobachtet als Schlußsequenz das Brodeln des Wassers und den aufsteigenden Dampf.

Newman hat erneut die Küche zum Schauplatz einer gegenläufigen Dynamik gewählt. Trotz eines handlungsähnlichen Ablaufes bei der Zubereitung seiner ungewöhnlichen Mahlzeit, stören zwei Elemente die Dynamik der Abfolge. Zum einen stellt die Aufnahme des alltäglichen Kochvorgangs als Illustration des Rock-Liedes wie in "Dandruff" die Präsentationsform "Musikvideo" in Frage, zum anderen nehmen sich die wie Lebensmittel verarbeiteten Musikkassetten auch eher wie eine Henkersmahlzeit oder einen Eifersuchtsakt Newmans aus, der die harmlose Küchenszene auf eine andere Bedeutungsebene verlegt.

"Ich versuche, in meiner Arbeit immer Präsentationsformen zu wählen, die das Material in seiner Ursprünglichkeit belassen, das Material persönlich und fragil zu lassen und möglichst viel vom ursprünglichen Zustand beizubehalten. Es soll nicht so aussehen, als hätte ich es durch einen Fleischwolf gedreht, wenn es öffentlich gemacht wird. Mich interessiert es, Formen einfach zu vertauschen."

Diese Vertauschung, von der Newman hier spricht, findet neben seinen Gedichten auch beispielsweise in der "Verarbeitung" seines Tonträgers in einem Kochakt bei "Jealousy" statt. Das Aufgreifen oder der Verweis von einem Medium auf ein anderes, geschieht für Newman jedoch ganz natürlich, da für ihn Kochen, Malen, Singen und Sprechen ineinander übergehen. Die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Medien bedeutet für ihn im Grunde genommen die Arbeit an einem einzigen Thema, bei der seine Haltung entscheidend ist. Wie Bernd Rosner dazu anmerkte, manifestiert sich diese bei Chris Newman durch die Devise eines 'Anything goes', entsprechend der nachmodernen (nachstrukturalistischen) Einsicht, daß - klassische - Repräsentation nicht mehr funktioniert (oder nie richtig funktioniert hat), daß man nur "noch" präsent sein kann."

Der Tenor einer bewußten Zurschaustellung dieser Verletzungen des guten Geschmacks und Expertentums in seinen Rock-Videos findet im "Anything goes" seine Entsprechung.

My Wife is French, 1987, 5' 28''

In "My wife is french", dem letzten der drei Rock-Videos, agieren wieder Chris Newman und ein anderer männlicher Darsteller in einer Wohnung, diesmal in Bad, Flur und Küche. Newman, der einen Bademantel trägt, ist im Hintergrund zu erkennen und spricht mit dem anderen Darsteller im Vordergrund.

Das Lied mit Refrain wird von ihm in Begleitung seiner Rock-Gruppe "Janet Smith" gesungen, die im Video jedoch nicht zu sehen ist. Die Kamera zoomt frontal auf sein Gesicht und während Newman singt, reißt er ein Artischockenblatt nach dem anderen ab und verzehrt es. Im Folgenden werden nach einer Küchenansicht mit auf dem Tisch liegenden Artischocken nur die Pantoffeln und ein Ausschnitt der Beine mit dem Bademantel gezeigt, und wie die Blätter nach und nach auf den Boden fallen. Untermalt wird die Szene mit einzelnen Versatzstücken aus dem Lied "My wife is french" rhythmisch gekoppelt mit der Verarbeitung des Artischockengemüses. Newman singt mit weit geöffnetem Mund und krönt den Schluß des Stückes mit dem Refrain aus "Dandruff". Dann wird nur noch ein Blick auf die Artischockenblätter auf dem Boden und die Reste geworfen, während sie zusammengekehrt werden.

In entscheidenden Stilelementen lehnt sich "My wife is french" vor allem an "Dandruff" an, in dem ja auch zwei Darsteller agieren und Gemüse verarbeitet wird. Daß zu Ende des Stückes der Refrain von "Dandruff" aufgenommen wird, führt zu einer größeren, thematischen Geschlossenheit der drei Rock-Lieder.

Die Kameraführung ist hier inszenierender eingesetzt, vor allem, um Einzeleindrücke, wie den singenden, offenen Mund oder die auf dem Boden liegenden Gemüseabfälle festzuhalten oder auch den Blick von der Küche aus über den Flur ins Bad zu zeigen. Allerdings wird nur der Vorgang des Gemüse-Schneidens, -Verspeisens und -Entsorgens verfolgt, die Szene als visuelle Schilderung des Liedtextes oder eigene Handlung jedoch wieder unterbunden. Die Kombination verschiedener Elemente, wie Liedtext, Gesangsinterpretation und einzelne Szenen fügt sich nur scheinbar der äußeren Form des Musikvideos, sie zerfällt bei genauer inhaltlicher Betrachtung wieder in heterogene Elemente, die - wie auch bei den anderen beiden Liedern vermittelt wird - eher wie eine aufgezeichnete Live-Performance anmutet, als ein vorbereitetes und geschnittenes Rockvideo.

Letztendlich versetzt sich Newman in den verschiedenen Ausdrucksmedien in die Rolle eines Dilettanten, der sich die einzelnen Disziplinen aneignet, bewußt mit seiner eigenen Unfähigkeit spielt und diese für seine Kunst ausbeutet. Dazu merkte er in einem Interview an: "Das Gute ist auch, daß ich all diese Sachen offiziell gar nicht kann. Aber ich gucke immer zu, wie andere arbeiten. Ich habe meine ganze Jugend in Museen verbracht und mir alles selber beigebracht."

In seinen Rock-Videos lebt er diesen Weg, den er selbst als frei genug empfindet, besonders exzessiv aus, da durch die gleichzeitige Verwendung von Video, Musik und Text und die ständige parallele Verschiebung zwischen den verschiedenen Medien, der Aspekt der Dezentralisierung oder des Auflösens der Strukturen besonders verdeutlicht wird.

Lilian Haberer